2016 war ein Arschloch (aber nicht nur)

Frank Göhre mit Simone Buchholz und Marcus Müntefering (v.r.), Foto: Carla Riveros Eißmann

Frank Göhre mit Simone Buchholz und Marcus Müntefering (v.r.), Foto: Carla Riveros Eißmann

Vorbemerkung: Dieser Text erschien in leicht anderer Form ursprünglich beim Crimemag, wo noch viele andere Jahresrückblicke zu finden sind.

Leonard Cohen, David Bowie und so viele andere Helden sterben, mit Donald Trump gewinnt ein Irrer die US-Wahlen, Syrien, die IS und den ganzen anderen politischen Scheiß kann man eh nicht mehr ertragen – 2016 war ein Arschloch, in so vielerlei Hinsicht. In einer aber nicht: Gute Spannungsromane kamen fast im Wochentakt auf den deutschen Markt.

Einziges Problem: Die Liste der Bücher, die gelesen gehört hätten, aber liegen geblieben sind und mich jetzt vorwurfsvoll anstarren, liest sich wie ein Who’s Who der Krimi-Elite. Dazu gehören diverse James Lee Burkes, der Abschluss von Nathan Larsons „Dewey Decimal“-Trilogie, mindestens ein Ross Thomas, der zweite bei Polar erschienene Newton Thornburg, der aktuelle Garry Disher, Peter Temples Die Schuld vergangener Tage…

Das Jahr des Country Noir (verzweifelte weiße Männer)

Woran lag’s? Weil es so viel anderes zu entdecken gab, neue, frische Stimmen vor allem. Zum Beispiel Nitro Mountain von dem jungen Amerikaner Lee Clay Johnson, ein fieser Country Noir, der leider noch keinen deutschen Verlag hat. Überhaupt Country Noir: Da hat sich Wolfgang Franßen mit seinem Polar Verlag Lorbeeren verdient: Benjamin Whitmers Nach mir die Nacht und vor allem Jon Bassoffs Zerrüttung sind zwei finstere Solitäre, die zeigen, was alles noch möglich ist, wenn man die Genre-Tropen kennt und weiß, was man damit anstellen kann, ohne zu imitieren. Zu dieser Kategorie zählt auch Bull Mountain von Brian Panowich, der unverständlicherweise völlig untergegangen ist. Ist natürlich nur ein Zufall, dass ich im Trump-Jahr 2016 besonders viele Romane über marginalisierte weiße US-Amerikaner gelesen habe… in diesem Zusammenhang muss natürlich auch noch Donald Ray Pollock genannt werden, der am Vorabend der US-Wahl aus Die himmlische Tafel las und hinterher verriet, das in seiner Heimat, dem Swing State Ohio, auf jedes Clinton-Plakat 20 von Trump kamen. Das war die Überraschung beim Aufwachen am nächsten Morgen gar nicht mehr so groß…

Natürlich gab es in diesem Jahr auch andere Spielarten des Spannungsromans, die großartig waren, genannt werden müssen. Exemplarisch für die Vielfalt: Die letzten Tage des Condor von James Grady, eine pynchoneske Paranoia-Studie, Franz Doblers intelligente Sunset Boulevard-Variante Ein Schlag ins Gesicht und Ian McEwans gewitzte Hamlet-Noir-Spielerei Nussschale.

Mehr zu lesen würde auch heißen weniger TV-Serien zu sehen, was auch ärgerlich wäre. Zwar ist die Zeit der ganz großen Erzählungen vorbei zu sein scheint (Wire, Sopranos etc. – und erwähne hier bitte niemand Game of Thrones, dieses pompöse Nichts), aber man traut sich weiterhin was in Fernsehland.

Überraschungssieger 2016 ist die Krimi-Serie Quarry, ein Achtteiler, der auf den Serienkiller-Romanen von Max Allan Collins basiert – mutig erzählt, mit viel Post-Vietnam-Flair, fantastischem Soundtrack, ganz große Klasse. Und dabei behandelt die Serie gerade mal die Vorgeschichte, also wie Quarry zum Killer wurde. Auf Augenhöhe: The Night Of, US-Achtteiler, der auf der britischen Vorlage Criminal Justice beruht. Geschrieben von Richard Price, mit einem brillanten Cast, angeführt von John Turturro – so very New York.

Weniger gelungen: Die TV-Verfilmung von Joe Lansdales Hap & Leonard-Romanen, und das trotz Michael K. Williams und Christina Hendricks. Langatmig und zäh, Elfmeter verschenkt. Und wer es noch nicht gesehen hat: Die Serienadaption von Fargo ist ebenfalls ganz großer Sport, Staffel 3 kommt 2017. Showrunner Noah Hawley hat übrigens mit Vor dem Fall bereits seinen fünften Roman geschrieben, über den Absturz eines Privatflugzeugs, wie es dazu kam und welche Auswirkung er hat. Packender Thriller, bissige Mediensatire, griffiger New-York-Roman und Künstlerporträt in einem – vielleicht weil Vor dem Fall in keine Schublade passt, ist er in Deutschland kaum wahrgenommen worden.

Auf keinen Fall vergessen zu erwähnen will ich, dass 2016 das Krimi-Talk-Projekt „439 Noir“ zu Ende ging (danke an Wolfgang Franßen und Carsten Germis für die gute Gesellschaft) – und mit „Trio mit 4 Fäusten“ gleich ein neues begann. Simone Buchholz, ich und wechselnde Gäste (zuletzt Frank Göhre) haben die Bar 439 schon zweimal prall gefüllt, Ende Fenbruar geht es weiter – schon mal ein Grund, sich auf 2017 zu freuen.

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Bloody Questions, der Krimi-Fragebogen, Vol. 20:
JEROME CHARYN

Jerome Charyn

Copyright: Diaphanes

Vorbemerkung: Diese Ausgabe von Bloody Questions ist zuvor im Crimemag erschienen, in der kommenden Ausgabe des Crimemag am 15.12. (und ein paar Wochen später hier) beantwortet GARRY DISHER den Krimi-Fragebogen.

Im kommenden Jahr, am 13. Mai 2017, wird Jerome Charyn 80 Jahre alt. Und schon am 20.Januar, zeitgleich mit der Inthronisierung Donald Trumps, wird das zwölfte und vermutlich letzte Abenteuer um seinen Lebenshelden Isaac Sidel erscheinen. Die unfassbarste Figur der Krimi-Geschichte war im bislang letzten Roman “Unter dem Auge Gottes” vom Cop aus der Bronx zum Präsidenten der USA aufgestiegen.

Isaac Sidel wird Präsident? Wenn Trump es schafft…

Kurz skizziert hatte ich diese sonderbare Heldenreise im meiner Rezension bei Spiegel Online: “Damals war sein Held noch ,ein kleiner Inspector’, mit einem zu großen Herzen und staunenden Augen. Ein jüdischer Junge aus der Bronx, fasziniert von den großen jüdischen Gangstern wie Arnold Rothstein – der dennoch Karriere bei der Polizei macht. Der immer eine Glock im Hosenbund trägt und nie einen Cent in der Tasche hat. Der bei jeder Gelegenheit in Tränen ausbricht und manchmal wochenlang verschwindet. Ein Ritter von der aberwitzigen Gestalt, der stolpert, sich aufrappelt, um sich schlägt, resigniert, weitermacht – und dabei, ohne wirklich zu wissen, wie ihm geschieht, immer höher steigt.“ Unwahrscheinlich? Bestimmt. Aber ist es unwahrscheinlicher, dass ein durchgeknallter Kindskopf-Cop zum Präsidenten wird als Donald Trump?

In Deutschland kennen und lieben wir Charyns Romane seit den Achtzigern, als Heyne den ersten Sidel “Blue Eyes” aus dem Jahr 1974 unter dem irrsinnigen Titel “Ping Pong Päng” veröffentlichte. Später erschienen seine Romane bei Rotbuch, Thomas Wörtche holte ihn zu Diaphanes, wo momentan alle Romane wiederveröffentlicht werden. Es ist eine Serie wie keine andere im Genre, poetisch, halluzinatorisch, dunkel funkelnd, schreiend komisch. Und bei aller Abgedrehtheit kann man die Romane ganz wunderbar als Porträt seiner Heimat New York lesen: Indem er die Realität ins Fantastische verzerrt, vermittelt Chary uns die Essenz dieser Metropole. Wer heute nach New York reist, sieht nur noch die Disneyland- (oder Trump-) Version einer ehemals unvergleichlichen Stadt. In Charyns Romanen lebt das wahre New York weiter. Jerome Charyn for president!

Haben Sie je darüber nachgedacht, ein Verbrechen zu begehen, oder gar schon mal eines begangen?
Ein Schriftsteller zu sein heißt Verbrechen zu verüben. Du zerstörst Menschen und ganze Gesellschaften, ohne die Absicht, sie je wieder zusammenzufügen. Mit jedem Wort, jedem Schritt kommst du dem Chaos näher.

Wer ist der schlimmste Schurke (oder der beste Bösewicht) der Literaturgeschichte?
Der schlimmste Schurke der Krimi-Geschichte ist Dashiell Hammett, weil er dieses heillose Durcheinander angerichtet hat und wir uns nie von der wundervollen, tödlichen Posie seiner Sprache erholt haben.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten literarischen Mord?
Ich habe mich selbst getötet, in meinem ersten Meisterwerk, das ich mit zehn Jahren geschrieben habe. Irgendwie habe ich es geschafft, mich davon zu erholen und wieder aufzuerstehen.

Die Beatles-oder-Stones-Frage: Hammett oder Chandler?
Hammett.

Haben Sie schon einmal einen Toten gesehen? Und falls ja: Wie hat das Ihr Leben verändert?
Als ich für “Blue Eyes” recherchierte, war ich in der New Yorker Leichenschauhalle, und der Mann, der auf dem grässlichen Tisch lag, sah aus wie ein toter Indianer. Auf mein Leben hatte das keinerlei Auswirkungen, aber mein Bruder, ein Polizist, wurde beim Anblick der Leiche ganz grau.

Wurden Sie jemals Zeuge oder Opfer eines Verbrechens?
Ja, aber ich möchte nichts dazu sagen.

Gibt es irgendjemanden auf der Welt, dem Sie den Tod wünschen?
Das ist eine unglückliche Frage. Mir fallen da schon einige Namen ein, aber dann würde ich Gott spielen müssen. Und ich bin eher ein stiller Teufel.

Welche Jobs hatten Sie, bevor Sie vom Schreiben leben konnten?
Schriftsteller sollten mit ihrer Arbeit kein Geld verdienen. Sie sind Poeten und Priester. Sie sollten so großzügig sein wie der heilige Franziskus und ihre Wörter verschenken. Aber es ist ihnen erlaubt, nach Brot zu betteln. Ich habe die meiste Zeit meines Lebens als Collegelehrer gearbeitet, und ich hatte jede Menge Spaß mit meinen Schülern. Ich habe lieber Film gelehrt als Literatur oder creative writing, und vielleicht sind meine Romane so etwas wie Filme in slow motion.

Wären Sie nicht Schriftsteller – was würden Sie stattdessen tun (wollen)?
Es gibt nichts anderes, das ich tun möchte, und nichts anderes, dass ich getan habe oder tun könnte. Ich liebe meine Katze und eine menschliche Katze.

Hören Sie beim Schreiben Musik? Und falls ja: welche?
Nein, aber gern danach. Ich liebe Leonard Cohen.

Schreiben Sie lieber tagsüber oder nachts? Zu Hause am Schreibtisch oder wo immer Sie gerade sind?
Bei mir knirscht es ziemlich im Gebälk momentan. Ich arbeite, so viel ich kann, Tag und Nacht. Aber wenn ich die Sätze nicht gleich aufschreibe, purzelt die Poesie aus meinem Kopf.

Was machen Sie, wenn Sie nichts Vernünftiges zu Papier bringen?
Wenn ich nicht schreiben kann, spiele ich mit meiner Katze.

Was passiert nach dem Tod? Und was sollte nach dem Tod passieren?
Das große Mysterium, das schon Shakespeare beschäftigte und heute mich. Nichts passiert nach dem Tod. Wir hoffen, dass unsere Worte bleiben und die Menschen weiterhin erfreuen. Aber das werde ich nie erfahren.

Verbrechen und Bestrafung: Was halten Sie vom Prinzip Auge-um-Auge/von der Todesstrafe?
Besonders schlimme Predatoren, vor allem solche, die sich von den Schwachen ernähren, sollten vielleicht niedergeschossen werden, aber ich möchte nicht ihr Henker sein.

Ihr Kommentar zu dem Bert-Brecht-Zitat „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank“…
Ich verstehe, was Brecht gemeint hat, aber wir leben in dunkleren Zeiten als er. Heute sind es die Bankräuber, die Bank nach Bank gründen, bis in alle Ewigkeit.

Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?
Eine schwierige Frage. Vielleicht habe ich nie gelebt und werde auch nie leben. Daher bleibt mein Grabstein leer und stumm.

Marcus Müntefering

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Einladung zum 2. Krimi-Talk „Trio mit vier Fäusten“

Krimi-Talk SIMONE BUCHHOLZ und MARCUS MÜNTEFERING präsentieren:
Trio mit 4 Fäusten – die Krimi-Talkshow
Live im 439, Vereinsstraße 38, Hamburg
Als Gast: FRANK GÖHRE
Am 14. Dezember, Einlass 20 Uhr, Beginn 20.15 Uhr
Eintritt frei
Mit diesen Büchern:
Franz Dobler – Ein Schlag ins Gesicht
Ian McEwan – Nussschale
James McClure – Song Dog

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Krimi-Kritik: „IQ“ von Joe Ide

Joe Ide IQGlückwunsch an Thomas Wörtche, der diesen Kriminalroman für seine Reihe bei Suhrkamp frühzeitig entdeckt hat – „Joe Ides „IQ“ erscheint in Deutschkand nur wenige Wochen nachdem es in den USA veröffentlicht wurde. Und in „New York Times“ und „Washington Post“ gefeiert wurde. „IQ“ ist der AUftakt einer Serie um den sehr smarten Getto-Detektiv Isaiah Quintabe, sein erster Fall führt ihn in die Rap-Szene von Los Angeles. Mit allem Bling-Bling, Irrsinn und Größenwahn, der nunmal dazugehört. Lebt von Figuren und Dialogen – und im Deutschen von de ausgezeichneten Arbeit, die Übersetzerin Conny Lösch geleistet hat. Seltsam, wie die Dinge sich manchmal fügen: Diese Hommage an „Der Hund von Baskerville“ passt irgendwie ziemlich gut um die aktuellen Merkwürdigkeiten rund um Rapper Kanye West…

Hier der Teaser, meine vollständige Rezension lest ihr bei Spiegel Online:

Ide hat sichtlich Spaß daran, sich über die geschmacklose Glitzerwelt von neureichen Hip-Hoppern lustig zu machen. Wright, der Rapper, versinkt wie Mafiaboss Tony Soprano in tiefer Depression. Schon zum Frühstück mixt er Upper und Downer mit Alkohol und kifft so viel, dass selbst Snoop Dogg schwindlig würde. Sein Zuhause könnte direkt aus der MTV-Serie „Cribs“ stammen, in der Popstars voller Stolz beweisen, dass Geld und Geschmack oft wenig miteinander zu tun haben.

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Krimi-Kritik: „Lunapark“ von Volker Kutscher

Volker Kutscher LunaparkSorry, dass hier einige Monate nichts passiert ist, mein neuer, toller Hauptjob braucht mich und meine Zeit, ich schaffe nebenbei mit Ach und Krach die zwei Rezensionen für Spiegel Online plus die Bloody Questions fürs Crimemag. Aber ich versuche, ab jetzt hier wieder anzukündigen, wenn was Neues veröffentlicht wird. Jetzt aber erst einmal viel Spaß mit meiner Besprechung von Volker Kutschers am Ende leider etwas langatmigen Krimis „Lunapark“

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Bernhard AIchner:
Gute Menschen hören böse Lieder

Aichner InterviewFür jemanden, der einen so katastrophalen Musikgeschmack hat wie Bernhard Aichner, sind seine Bücher gar nicht so schlecht. Allerdings geht seine Vorliebe für den Kitsch eines Philipp Poisel oder einer Alin Coen ein paar Mal zu oft mit ihm durch. Was es sonst noch über seinen neuen Roman (Interview mit einem Mörder“ zu sagen gibt, habe ich für Spiegel Online aufgeschrieben. Dieser Link führt euch zum Artikel, hier der Teaser:
Aichners größte Stärke ist der Sound, mit dem er seine Geschichte erzählt: Die kurzen, manchmal abgehackten Sätze, die auf maximale Wirkung aus sind, wie es ein Don Winslow vor- und zahlreiche Autoren wie zuletzt Michael Pflüger in seinem diesjährigen Überraschungshit „Endgültig“ nachgemacht haben. Das klingt dann im besten Fall so, wie beim Anschlag auf Johann: „Zu schnell ging alles, keine Verbindung zwischen den Dingen, Max steht nur da, begreift es nicht. Nur zuschauen. Wie Baroni auf dem Asphalt liegt und ihn anstarrt. Wie sich sein Hemd verfärbt. Wie alles rot wird. Und wie die Augen seines Freundes einfach zugehen.“

Screenshot: www.spiegel.de

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Patrícia Melo im Interview:
„Mörder sind heutzutage Celebritys“

Patricia Melo InterviewFür Spiegel Online habe ich Patrícia Melo per Skype interviewt. Anlass war zum einen ihr nuer Roman „Trügerisches Licht“, der gerade bei Tropen erschienen ist und in dem sie mit dem Celebrity-Wahn abrechnet. Zum anderen haben natürlich gerade die Olympischen Spiele in Rio begonnen, mitten in einer der schwersten Krisen, die das Land jemals durchmachen musste. Genug Stoff also für ein spannendes Interview, das ihr vollständig hier lesen könnt.
Ein Teaser:
SPIEGEL ONLINE: Die Drogenbosse sind letztlich ebenfalls Celebritys.
Melo: Genau, allerdings ist das oft auch der Anfang vom Ende für diese Kriminellen. Sobald ihr Ruf über die Favelas hinausgeht, schreitet der Staat ein. Denn auch wenn sie glorifiziert werden wie Filmstars und tatsächlich mehr für die Favelas tun als die Politik, sind sie doch Verbrecher, gewalttätige Menschen, die sich mit einer eigenen Armee umgeben und oftmals besser bewaffnet sind als die Polizei. Die Stabilität, die sie in den Favelas etablieren, ist nicht nur zerbrechlich, sie ist ein Fake. Was wirklich passieren muss, ist, dass man den Menschen zeigen muss, dass es Alternativen gibt. Sie brauchen Bildung, eine ökonomische Perspektive, Politiker, an die sie glauben können. Und sie müssen verstehen, dass die Kriminellen sie nur benutzen und ihnen nicht wirklich nachhaltig helfen. Sobald du ihre Hilfe annimmst, gehörst du ihnen.

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Bloody Questions – Vol. 15/16: Robert Wilson

Vorbemerkung: Der 16. Krimifragebogen in der XXL-Version, im Original in zwei Teilen (deshalb auch die Doppelzählung) beim Crimemag veröffentlicht.

Robert Wilson EntführerMit dem Sevilla-Quartett schrieb der britische Schriftsteller Robert Wilson, Jahrgang 1957, zwischen 2003 und 2009 einige der aufregendsten Spannungsromane der vergangenen Jahre. Die „New York Times“ nannte ihn „einen der besten Thrillerautoren der Welt“ und verglich ihn mit John le Carré und Martin Cruz Smith. Mit „Stirb für mich“ startete Wilson 2013 eine neue Reihe, in deren Mittelpunkt der Entführungsexperte Charles Boxer steht. Ein Mann, der den Ruf hat, ein guter Mensch zu sein, der aber, wenn nötig, auch zu extremen Mitteln greift. Boxer einen Killer (mit Herz) zu nennen, würde aber viel zu kurz greifen. Robert Wilson hat eine vielschichtige Figur geschaffen, nicht jemanden, der einfach nur auf Knopfdruck tötet wie James Bond.

Im dritten Band der Serie, „Die Stunde der Entführer“ (im Original schön flapsig „Stealing People“), der am 24. Mai bei Goldmann erscheint (480 Seiten, 16,99 Euro) wird Boxer in einen spektakulären Entführungsfall verwickelt: In London werden innerhalb weniger Stunden sechs Kinder von Superreichen aus aller Welt gekidnappt. Während Boxers Exfrau, die Polizistin Mercy, direkt an den Ermittlungen beteiligt ist, hat er zunächst einen anderen Auftrag: Er soll einen verschwundenen Millionär finden, der sich als ehemaliger CIA-Agent entpuppt und mit den Entführungen in Verbindung stehen könnte. Nichts an dieser Geschichte entwickelt sich, wie es die Beteiligten erwarten – und Boxer weiß bald nicht mehr, auf welcher Seite er steht.

Meisterhaft versteht es Wilson, einen hoch spannenden Plot zu zelebrieren und eine Vielzahl von aktuellen Themen zu darin verweben, darunter die ungerechte Umverteilung des Reichtums, die unheimliche Macht der CIA, vor allem nach dem 11. September, und die moralische Frage danach, wie weit man gehen darf, um das Richtige zu tun (und ob es dann nicht das Falsche wird).

Robert Wilson hat den Krimi-Fragebogen in aller Ausführlichkeit beantwortet und erzählt zahllose spannende, aber auch bestürzende Details aus seinem (Arbeits-)Leben.

1. Haben Sie je darüber nachgedacht ein Verbrechen zu begehen oder gar schon mal eines begangen?

Ich habe niemals ein Verbrechen begangen. Ich wurde mit extreme hohen ethischen Standards erzogen, die sich mir so sehr eingeprägt haben, dass sie wahrscheinlich Teil meiner DNS geworden sind. Das einzige Mal, dass diese Standards auf dem Prüfstand standen, war, als ich in Afrika gearbeitet habe, in Cotonou, Benin. Um Weihnachten herum wartete eine Ladung Sheanüsse darauf, auf ein Schiff verladen zu werden. Ich wusste, dass vier große Schiffe mit vollen Ladungen Reis erwartet wurden. Die Reissäcke würden dann illegal über Land nach Nigeria gebracht warden, wo es ein Embargo gegen Reis-Importe gab. Ich wusste auch, dass ich den directeur du port bestechen müsste, damit das Liegegeld nicht so hoch sein würde. Mein Zwischenhändler, der auf den wunderbaren Namen Appolinaire hörte, erklärte mir, dass es in dieser Jahreszeit Tradition hätte, dass Menschen, die einen Job hatten, ihren Vorgesetzten Bestechungsgelder zahlten, um auch im neuen Jahr in Lohn und Brot zu sein. Die Verhandlungen entwickelten sich gut, aber ich war nicht gerade stolz auf mich. Am 1. Januar sah ich dann all die Menschen mit weißen Umschlägen in der Hand ihre Vorgesetzten aufsuchen. So funktioniert Korruption, von oben nach unten.

2. Wer ist der schlimmste Schurke (oder der beste Bösewicht) der Literaturgeschichte?

Kommt ganz darauf an, was man von einem Bösewicht erwartet. Kinder etwa lassen sich gern erschrecken, wollen aber auch Gefallen finden am Bösewicht, und diese Erwartung haben die meisten Menschen auch noch als Erwachsene. Nehmen wir Hannibal Lecter. In seinem ersten Auftritt in Michael Manns „Blutmond“, wurde er von Brian Cox gespielt, der so furchterregend war, dass man absolut nichts mit ihm zu tun haben wollte. Anthony Hopkins in Jonathan Demmes „Das Schweigen der Lämmer“ spielte Lector als flamboyanten Schurken: furchterregend, aber zugänglich, grausam, aber mit Sinn für Humor. „Blutmond“ hat 8,6 Millionen Dollar eingespielt, „Das Schweigen der Lämmer“ 273 Millionen. Soweit also die vorherrschende Meinung. Wer nach einem Schurken sucht, der uns das wahrhaft Böse erfahren lässt, der sollte Lou Ford kennenlernen, aus Jim Thompsons Roman „Der Mörder in mir“. Einen noch komplexeren, sehr faszinierenden Schurken gibt Richter Holden in Corman McCarthys „Die Abendröte im Westen“ ab.

3. Erinnern Sie sich an Ihren ersten literarischen Mord?

Es war ein Dreifachmord, in meinem Romandebüt “Instruments of Darkness” (bislang nicht übersetzt, d. Red.). Das Trio wurde am Rande einer Demo für mehr Demokratie in Togo von Sicherheitsleuten erschossen. Mein Held Bruce Medway kommt den dunklen Machenschaften auf die Spur – der gesamte Roman dreht sich um finstere Mächte, die im Geheimen agieren. Ein etwas aufregender Mord geschieht später im Roman – Bruce kämpft in einem Lagerhaus für Badzubehör mit einem Angreifer und “krönt” ihn mit einer Toilette.

4. Die Beatles-oder-Stones-Frage: Chandler oder Hammett?

Eindeutig Chandler. Ich habe ihn erst spät entdeckt, und er war einer der Gründe dafür, dass ich angefangen habe, Kriminalromane zu schreiben. Besonders liebe ich ihn dafür, dass es ihm vor allem anderen um guten Stil ging. Seine Plots, oft löchrig und wacklig, bildeten nur den Rahmen für seinen großartigen Humor und seine Einsichten in die menschliche Existenz.

5. Haben Sie schon mal einen Toten gesehen? Wenn ja, wie hat dies Ihr Leben verändert?

Ja, mehrmals. Mein Nachbar in Portugal starb an Krebs, und ich habe ihn kurz nach seinem Tod noch einmal gesehen; sein Kiefer war verbunden, sein Teint wächsern. Einige Jahre später besuchte ich die Totenwache eines Bekannten und sah eine seltsame unbeseelte Version von ihm im Sarg liegen. Und schließlich saß ich am Bett meiner Frau, die 2013 an Leukämie starb, und ich hatte das seltsame Gefühl, dass jemand grade den Raum verlässt. Bis zu diesem Moment, auch wenn sie schwer krank und sediert war, war sie ohne jeden Zweifel die Frau, die ich kannte und liebte. Dann war sie verschwunden. Die Krankenschwester sagte: “Bleiben Sie so lange, wie Sie wollen.” Aber mir war klar, dass das, was ich so verzweifelt brauchte, bereits fort war. Es hat mich nicht dazu gebracht, an Gott zu glauben, aber es gab mir die Gewissheit, dass es irgendeine Art von spiritueller Existenz gibt. Ich glaube nicht, dass ich mich mit diesem Gedanken nur trösten wollte. Die Wissenschaft hat uns gelehrt, dass die Dinge sich nicht einfach in Luft auflösen. Sie verändern sich, hören aber nicht auf zu existieren. Etwas hat den Körper meiner Frau verlassen, etwas Entscheidendes, das Jane ausmachte. Aber wohin ist es verschwunden?

6. Wurden Sie jemals Zeuge eines Verbrechens?

Ja, als ich mit einem Freund in der Londoner Marylebone High Street unterwegs war. Wir kamen gerade aus einem Shop, als wir zwei Männer sahen, die sich in einen Hauseingang warfen. Dann entdeckten wir einen Sicherheitstransporter vor Barclays Bank an der Straßenecke. Zwei mit Pistolen bewaffnete Männer attackierten die Sicherheitsleute, schnappten sich einen Sack voll Geld und flüchteten in eine Seitenstraße. Ein Schuss fiel. Die beiden Männer aus dem Hauseingang wagten sich wieder heraus, sie waren bewaffnet, Undercover-Polizisten. Wir gingen langsam in Richtung der Seitenstraße, während die Polizisten laute Warnrufe ausstießen. Ein Passant auf einem Moped entdeckte die beiden Räuber, die inzwischen im Fluchtauto saßen, und nahm die Verfolgung auf. Sie schossen auf ihn. Er kam ins Schleudern, blieb ihnen aber auf den Fersen. Später haben wir in den Nachrichten gehört, dass sie geschnappt wurden.

7. Gibt es irgendjemanden auf der Welt, dem Sie den Tod wünschen? Weiterlesen

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Krimi-Kritik: Denise Mina – Die tote Stunde

Denise Mina tote Stunde

Ein Auszug aus der Rezension, die ich für Spiegel Online geschrieben habe. Den vollständigen Text lest ihr hier. VIel Spaß dabei!

Denise Mina gehört schon länger zu den interessantesten und erfolgreichsten schottischen Krimiautorinnen. Nur hierzulande hat das noch kaum jemand mitbekommen. Deshalb dauerte es zehn Jahre, bis „Die tote Stunde“, Mittelteil einer Trilogie um die junge Journalistin Paddy Meehan, ins Deutsche übertragen wurde. Eine zwar reichlich holprige Übersetzung, aber immerhin.
Weitere 22 Jahre zuvor, im Orwell-Jahr 1984, siedelt Mina ihre Geschichte an. „Die tote Stunde“ kommt daher wie die nettere kleine Schwester von David Peace‘ literarischem Höllenritt „GB84“. Während Peace anhand des Bergarbeiterstreiks kaleidoskopisch zeigt, wie Margaret Thatcher Großbritannien verschacherte, bildet die große Politik bei Mina nur das Hintergrundrauschen.

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Krimi-Kritik: „Die letzten Tage des Condor“ von JAMES GRADY

Grady CondorSuhrkamp hat einen neuen Krimi-Chef, und nach einem eher durchwachsenen Start mit Candice Fox‘ überladenem „Hades“ hat Thomas Wörtche (u.a. ex Metro, ex Diaphanes, immer noch: Crimemag) mit James Gradys „Die letzten Tage des Condor“ eine erste Duftmarke gesetzt. Unwahrscheinlich, dass in diesem Jahr noch ein weiterer Genre-Roman auf den Markt kommt, der nicht nur ein bissiger Kommentar zu unserer Zeit ist, sondern diese darüber hinaus bis in seine Syntax widerspiegelt. Grady Condor ist große Literatur im Gewand eines Thrillers. Und eine absolute Überraschung: Mit einer (weiteren) Fortsetzung der Condor-Reihe hat wohl kaum jemand gerechnet – außer die NSA vielleicht. Ich habe den Roman für Spiegel Online ausführlich besprochen, deshalb an dieser Stelle nur der Verweis auf die Rezension, die ihr hier findet, und ein Teaser:

Wobei Fortsetzung eigentlich nicht zutrifft: James Grady hat ein Update angefertigt, die Geschichte von der Jagd auf Condor für eine neue Zeit adaptiert. Während das Original Skepsis und Zweifel und aufkommende Paranoia konsequent weiterdachte, zeigt Condor 3.0, dass wir längst ins Zeitalter der Hyper-Paranoia eingetreten sind.

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