Bloody Questions – Vol. 15/16: Robert Wilson

Vorbemerkung: Der 16. Krimifragebogen in der XXL-Version, im Original in zwei Teilen (deshalb auch die Doppelzählung) beim Crimemag veröffentlicht.

Robert Wilson EntführerMit dem Sevilla-Quartett schrieb der britische Schriftsteller Robert Wilson, Jahrgang 1957, zwischen 2003 und 2009 einige der aufregendsten Spannungsromane der vergangenen Jahre. Die „New York Times“ nannte ihn „einen der besten Thrillerautoren der Welt“ und verglich ihn mit John le Carré und Martin Cruz Smith. Mit „Stirb für mich“ startete Wilson 2013 eine neue Reihe, in deren Mittelpunkt der Entführungsexperte Charles Boxer steht. Ein Mann, der den Ruf hat, ein guter Mensch zu sein, der aber, wenn nötig, auch zu extremen Mitteln greift. Boxer einen Killer (mit Herz) zu nennen, würde aber viel zu kurz greifen. Robert Wilson hat eine vielschichtige Figur geschaffen, nicht jemanden, der einfach nur auf Knopfdruck tötet wie James Bond.

Im dritten Band der Serie, „Die Stunde der Entführer“ (im Original schön flapsig „Stealing People“), der am 24. Mai bei Goldmann erscheint (480 Seiten, 16,99 Euro) wird Boxer in einen spektakulären Entführungsfall verwickelt: In London werden innerhalb weniger Stunden sechs Kinder von Superreichen aus aller Welt gekidnappt. Während Boxers Exfrau, die Polizistin Mercy, direkt an den Ermittlungen beteiligt ist, hat er zunächst einen anderen Auftrag: Er soll einen verschwundenen Millionär finden, der sich als ehemaliger CIA-Agent entpuppt und mit den Entführungen in Verbindung stehen könnte. Nichts an dieser Geschichte entwickelt sich, wie es die Beteiligten erwarten – und Boxer weiß bald nicht mehr, auf welcher Seite er steht.

Meisterhaft versteht es Wilson, einen hoch spannenden Plot zu zelebrieren und eine Vielzahl von aktuellen Themen zu darin verweben, darunter die ungerechte Umverteilung des Reichtums, die unheimliche Macht der CIA, vor allem nach dem 11. September, und die moralische Frage danach, wie weit man gehen darf, um das Richtige zu tun (und ob es dann nicht das Falsche wird).

Robert Wilson hat den Krimi-Fragebogen in aller Ausführlichkeit beantwortet und erzählt zahllose spannende, aber auch bestürzende Details aus seinem (Arbeits-)Leben.

1. Haben Sie je darüber nachgedacht ein Verbrechen zu begehen oder gar schon mal eines begangen?

Ich habe niemals ein Verbrechen begangen. Ich wurde mit extreme hohen ethischen Standards erzogen, die sich mir so sehr eingeprägt haben, dass sie wahrscheinlich Teil meiner DNS geworden sind. Das einzige Mal, dass diese Standards auf dem Prüfstand standen, war, als ich in Afrika gearbeitet habe, in Cotonou, Benin. Um Weihnachten herum wartete eine Ladung Sheanüsse darauf, auf ein Schiff verladen zu werden. Ich wusste, dass vier große Schiffe mit vollen Ladungen Reis erwartet wurden. Die Reissäcke würden dann illegal über Land nach Nigeria gebracht warden, wo es ein Embargo gegen Reis-Importe gab. Ich wusste auch, dass ich den directeur du port bestechen müsste, damit das Liegegeld nicht so hoch sein würde. Mein Zwischenhändler, der auf den wunderbaren Namen Appolinaire hörte, erklärte mir, dass es in dieser Jahreszeit Tradition hätte, dass Menschen, die einen Job hatten, ihren Vorgesetzten Bestechungsgelder zahlten, um auch im neuen Jahr in Lohn und Brot zu sein. Die Verhandlungen entwickelten sich gut, aber ich war nicht gerade stolz auf mich. Am 1. Januar sah ich dann all die Menschen mit weißen Umschlägen in der Hand ihre Vorgesetzten aufsuchen. So funktioniert Korruption, von oben nach unten.

2. Wer ist der schlimmste Schurke (oder der beste Bösewicht) der Literaturgeschichte?

Kommt ganz darauf an, was man von einem Bösewicht erwartet. Kinder etwa lassen sich gern erschrecken, wollen aber auch Gefallen finden am Bösewicht, und diese Erwartung haben die meisten Menschen auch noch als Erwachsene. Nehmen wir Hannibal Lecter. In seinem ersten Auftritt in Michael Manns „Blutmond“, wurde er von Brian Cox gespielt, der so furchterregend war, dass man absolut nichts mit ihm zu tun haben wollte. Anthony Hopkins in Jonathan Demmes „Das Schweigen der Lämmer“ spielte Lector als flamboyanten Schurken: furchterregend, aber zugänglich, grausam, aber mit Sinn für Humor. „Blutmond“ hat 8,6 Millionen Dollar eingespielt, „Das Schweigen der Lämmer“ 273 Millionen. Soweit also die vorherrschende Meinung. Wer nach einem Schurken sucht, der uns das wahrhaft Böse erfahren lässt, der sollte Lou Ford kennenlernen, aus Jim Thompsons Roman „Der Mörder in mir“. Einen noch komplexeren, sehr faszinierenden Schurken gibt Richter Holden in Corman McCarthys „Die Abendröte im Westen“ ab.

3. Erinnern Sie sich an Ihren ersten literarischen Mord?

Es war ein Dreifachmord, in meinem Romandebüt “Instruments of Darkness” (bislang nicht übersetzt, d. Red.). Das Trio wurde am Rande einer Demo für mehr Demokratie in Togo von Sicherheitsleuten erschossen. Mein Held Bruce Medway kommt den dunklen Machenschaften auf die Spur – der gesamte Roman dreht sich um finstere Mächte, die im Geheimen agieren. Ein etwas aufregender Mord geschieht später im Roman – Bruce kämpft in einem Lagerhaus für Badzubehör mit einem Angreifer und “krönt” ihn mit einer Toilette.

4. Die Beatles-oder-Stones-Frage: Chandler oder Hammett?

Eindeutig Chandler. Ich habe ihn erst spät entdeckt, und er war einer der Gründe dafür, dass ich angefangen habe, Kriminalromane zu schreiben. Besonders liebe ich ihn dafür, dass es ihm vor allem anderen um guten Stil ging. Seine Plots, oft löchrig und wacklig, bildeten nur den Rahmen für seinen großartigen Humor und seine Einsichten in die menschliche Existenz.

5. Haben Sie schon mal einen Toten gesehen? Wenn ja, wie hat dies Ihr Leben verändert?

Ja, mehrmals. Mein Nachbar in Portugal starb an Krebs, und ich habe ihn kurz nach seinem Tod noch einmal gesehen; sein Kiefer war verbunden, sein Teint wächsern. Einige Jahre später besuchte ich die Totenwache eines Bekannten und sah eine seltsame unbeseelte Version von ihm im Sarg liegen. Und schließlich saß ich am Bett meiner Frau, die 2013 an Leukämie starb, und ich hatte das seltsame Gefühl, dass jemand grade den Raum verlässt. Bis zu diesem Moment, auch wenn sie schwer krank und sediert war, war sie ohne jeden Zweifel die Frau, die ich kannte und liebte. Dann war sie verschwunden. Die Krankenschwester sagte: “Bleiben Sie so lange, wie Sie wollen.” Aber mir war klar, dass das, was ich so verzweifelt brauchte, bereits fort war. Es hat mich nicht dazu gebracht, an Gott zu glauben, aber es gab mir die Gewissheit, dass es irgendeine Art von spiritueller Existenz gibt. Ich glaube nicht, dass ich mich mit diesem Gedanken nur trösten wollte. Die Wissenschaft hat uns gelehrt, dass die Dinge sich nicht einfach in Luft auflösen. Sie verändern sich, hören aber nicht auf zu existieren. Etwas hat den Körper meiner Frau verlassen, etwas Entscheidendes, das Jane ausmachte. Aber wohin ist es verschwunden?

6. Wurden Sie jemals Zeuge eines Verbrechens?

Ja, als ich mit einem Freund in der Londoner Marylebone High Street unterwegs war. Wir kamen gerade aus einem Shop, als wir zwei Männer sahen, die sich in einen Hauseingang warfen. Dann entdeckten wir einen Sicherheitstransporter vor Barclays Bank an der Straßenecke. Zwei mit Pistolen bewaffnete Männer attackierten die Sicherheitsleute, schnappten sich einen Sack voll Geld und flüchteten in eine Seitenstraße. Ein Schuss fiel. Die beiden Männer aus dem Hauseingang wagten sich wieder heraus, sie waren bewaffnet, Undercover-Polizisten. Wir gingen langsam in Richtung der Seitenstraße, während die Polizisten laute Warnrufe ausstießen. Ein Passant auf einem Moped entdeckte die beiden Räuber, die inzwischen im Fluchtauto saßen, und nahm die Verfolgung auf. Sie schossen auf ihn. Er kam ins Schleudern, blieb ihnen aber auf den Fersen. Später haben wir in den Nachrichten gehört, dass sie geschnappt wurden.

7. Gibt es irgendjemanden auf der Welt, dem Sie den Tod wünschen? Weiterlesen

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Krimi-Kritik: Denise Mina – Die tote Stunde

Denise Mina tote Stunde

Ein Auszug aus der Rezension, die ich für Spiegel Online geschrieben habe. Den vollständigen Text lest ihr hier. VIel Spaß dabei!

Denise Mina gehört schon länger zu den interessantesten und erfolgreichsten schottischen Krimiautorinnen. Nur hierzulande hat das noch kaum jemand mitbekommen. Deshalb dauerte es zehn Jahre, bis „Die tote Stunde“, Mittelteil einer Trilogie um die junge Journalistin Paddy Meehan, ins Deutsche übertragen wurde. Eine zwar reichlich holprige Übersetzung, aber immerhin.
Weitere 22 Jahre zuvor, im Orwell-Jahr 1984, siedelt Mina ihre Geschichte an. „Die tote Stunde“ kommt daher wie die nettere kleine Schwester von David Peace‘ literarischem Höllenritt „GB84“. Während Peace anhand des Bergarbeiterstreiks kaleidoskopisch zeigt, wie Margaret Thatcher Großbritannien verschacherte, bildet die große Politik bei Mina nur das Hintergrundrauschen.

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Krimi-Kritik: „Die letzten Tage des Condor“ von JAMES GRADY

Grady CondorSuhrkamp hat einen neuen Krimi-Chef, und nach einem eher durchwachsenen Start mit Candice Fox‘ überladenem „Hades“ hat Thomas Wörtche (u.a. ex Metro, ex Diaphanes, immer noch: Crimemag) mit James Gradys „Die letzten Tage des Condor“ eine erste Duftmarke gesetzt. Unwahrscheinlich, dass in diesem Jahr noch ein weiterer Genre-Roman auf den Markt kommt, der nicht nur ein bissiger Kommentar zu unserer Zeit ist, sondern diese darüber hinaus bis in seine Syntax widerspiegelt. Grady Condor ist große Literatur im Gewand eines Thrillers. Und eine absolute Überraschung: Mit einer (weiteren) Fortsetzung der Condor-Reihe hat wohl kaum jemand gerechnet – außer die NSA vielleicht. Ich habe den Roman für Spiegel Online ausführlich besprochen, deshalb an dieser Stelle nur der Verweis auf die Rezension, die ihr hier findet, und ein Teaser:

Wobei Fortsetzung eigentlich nicht zutrifft: James Grady hat ein Update angefertigt, die Geschichte von der Jagd auf Condor für eine neue Zeit adaptiert. Während das Original Skepsis und Zweifel und aufkommende Paranoia konsequent weiterdachte, zeigt Condor 3.0, dass wir längst ins Zeitalter der Hyper-Paranoia eingetreten sind.

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Comic-Kritik: „In the Pines“ von Erik Kriek

In the Pines ComicVon Marcus Müntefering

Murder Ballads nennt man in der US-amerikanischen Folk- und Countryszene Songs, die sich mit Verbrechen und Strafe auseinandersetzen, nicht selten von moralischen Motiven geleitet. Ein Mord geschieht, und am Ende ist der Mörder selbst tot – oder halb wahnsinnig vor Schuldgefühlen. Einige der besten dieser Killer-Songs hat sich jetzt der niederländische Comic-Künstler Erik Kriek zum Vorbild für seine neue Geschichtensammlung „In the Pines – 5 Murder Ballads“ (Avant-Verlag, Berlin 2016. 128 S., 24,95 Euro) genommen. Oder vielleicht sollte man besser sagen: zum Ausgangspunkt, denn Titel und grobe Handlungszüge sind meist alles, was er von der Vorlage übernimmt.

Mit „The Long Black Veil“ hat Kriek eine der berühmtesten Murder Ballads ausgesucht, die man hierzulande vor allem in der Version von Johnny Cash kennt. Der schlichten Geschichte von dem Mann, der unschuldig zum Tode verurteilt wird, weil diejenige, die ihm ein Alibi geben könnte, die Frau seines besten Freundes ist, fügt Kriek lediglich eine schön fiese Pointe hinzu. Anders geht er mit „Where the Wild Roses Grow“ um, dem campen Duett von Nick Cave und Kylie Minogue: Hier dreht er die Geschlechterverhältnisse um, was die Geschichte erst richtig interessant macht. Übrigens verrät Kriek in einem lesenswerten Interview mit stern.de, dass er Nick Cave gar nicht besonders schätzt, sondern den Song nur ausgewählt hat, weil er auch in Europa populär ist.

Kriek ist musikalisch eher Traditionalist: Die weiteren Murder Ballads in seinem Buch basieren auf Songs von Steve Earle, dem großartigen Bewahrer der linken amerikanischen Folk-Tradition („Taneytown“), der (im besten Sinne) spröden Countrysängerin Gillian Welch („Caleb Meyer“) und auf dem Traditional „Pretty Polly“.

Schwarzweiß sind die Tableaus, die Kriek entwirft, mit von Story zu Story wechselnden Pastellfarben unterlegt. Dadurch und durch die Technik, die etwas Holschnittartiges besitzt (hier ausdrücklich nicht im übertragenen Sinne gemeint!), bekommen die Bilder etwas extrem Rauhes, fast schon Grobes, das wunderbar zu den düsteren Geschichten von Mord, Wahn und Vergeltung passt.

Übrigens liegt „In the Pines“ auch eine CD bei: Der Autor covert zusammen mit der Band The Bluegrass Boogeymen die fünf Stücke plus das Traditional, das dem Buch seinen Namen gab. Eine nette Zugabe, aber wer wirklich spüren will, welche Wucht Murder Ballads entwickeln können, der sollte sich die Versionen von Cave, Cash & Co anhören. Zum Beispiel diese hier:

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Krimi-Kritik: „Die Stunde der Entführer“ von ROBERT WILSON

Robert Wilson EntführerNeben Olen Steinhauer ist er der wohl interessanteste Thrillerautor der Gegenwart: Robert Wilson, dessen Sevilla-Quartett zu den beeindruckendsten Romanserien der Nullerjahre gehört. Weil er Thrill mit Psychologie, Spannung mit Welterkenntnis verbindet. Trotzdem: Die neue Reihe um den Kidnapping-Consultant Charles Boxer bleibt hinter den Sevilla-Romanen zurück. Bis jetzt. Der neue, dritte Band „Die Stunde der Entführer“ (schöner, prägnanter, wie meist, auf Englisch: „Stealing People“) ist der bisherige Höhepunkt der Serie, trotz kleinerer Schwächen. Warum, könnt ihr in meiner Rezension bei Spiegel Online nachlesen, hier erst einmal ein Trailer:

Wilson packt die großen Themen unserer Zeit an: die Umverteilung des Reichtums von unten nach oben, Konzerne, die die Außenpolitik ganzer Länder manipulieren und Kriege anzetteln, um ihre Gewinne zu maximieren, die Gefahr durch die globale Überwachung, Big Data. Dabei klingt Wilson aber nie wie ein Ideologe, er reißt diese Themen sozusagen en passant an, verpackt sie in eine clevere Story.

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„Ein Schmerz im Arsch“: Interview mit Ian Rankin – das umfangreiche Bonusmaterial

Ian Rankin InterviewFür Spiegel Online habe ich gerade ein Telefoninterview mit Ian Rankin geführt, das ihr hier lesen könnt. Es war wie immer ein äußerst anregendes Gespräch, bei dem viele Themen angesprochen wurden, die zu speziell für Spiegel Online waren oder nicht in den Kontext gepasst haben. Deshalb könnt ihr sie hier lesen, ich hoffe ihr habt Spaß mit dem (unsortierten und unbearbeiteten) Bonusmaterial…

Der dritte Held in ihren Büchern, Malcolm Fox, kann mit Musik überhaupt nichts anfangen, oder?
Ja, das hat damit zu tun, dass Fox auf keinen Fall eine jüngere Ausgabe von Rebus sein sollte. Deswegen raucht und trinkt er nicht, hält sich an die Regeln, will Karriere machen – und hört eben auch keine Musik.

Sie haben ihm alle Charaktereigenschaften genommen, die Ihre Leser an Rebus mögen.
Genau. Und die Herausforderung war, jemanden wie ihn trotzdem zu einer Figur werden zu lassen, für die die Leser sich interessieren.

Ist Ihnen das gelungen?
Natürlich interessieren sich die Leser mehr für Einzelgänger und Schurken. Aber eigentlich hat jemand wie Fox mehr mit ihnen und ihrem Leben zu tun. Er ist jemand, der versucht seinen Weg zu gehen, und das ohne zu betrügen oder zu tricksen.

Trotzdem haben Sie ihm nur zwei Solo-Romane gegönnt, bevor Sie ihm Rebus an die Seite gestellt haben…
Ja, aber das hat damit zu tun, dass die Geschichten Rebus brauchten. Außerdem fand ich es interessant, die beiden gegensätzlichen Männer zu konfrontieren. Für Fox repräsentiert Rebus die Vergangenheit. Er ist ein Dinosaurier. Doch nach und nach versteht er, warum Rebus so agiert, wie er agiert. Er heißt es nicht gut, aber er beginnt es zu akzeptieren. Und auch Rebus merkt, dass Fox mehr ist als ein kalter Karrierist – auch wenn er es natürlich nicht zugeben kann. Und so entwickelt sich eine Art Freundschaft zwischen den beiden und zusammen mit Siobhan bilden sie ein gutes Team.

 Ian Rankin

Foto: Studio Werner Pawlok

Die schottische Polizei wurde vor ein paar Jahren neu strukturiert, nicht mehr die Polizisten vor Ort leiten die Morduntersuchungen, sondern spezielle mobile Einheiten. Ändert das etwas für Ihre Bücher?
Ja, weil meine Romane ja stets in der Jetztzeit spielen und Ereignisse in der echten Welt spiegeln. Also muss ich mich mit dieser seltsamen Idee auseinandersetzen, dass man jetzt die Polizisten, die sich in ihrer Stadt oder ihrem Viertel auskennen höchstens noch als Berater hinzuzieht. Das ist auch Thema in „Das Gesetz des Sterbens“, wo ja Siobhan und Fox zunächst nur Randfiguren sind. Ich bin demnächst mit dem Chief of Police zum Dinner verabredet und ich werde ihn fragen: Wissen Sie, wie schwer Sie es mir als Schriftsteller gemacht haben? Bitte ändern Sie den Beschluss wieder!
Es ist ein Schmerz im Arsch, ich kann es nicht anders sagen. Der Polizeiroman basiert darauf, dass ein Cop in einer Gegend ermittelt, in der er sich auskennt. Und wenn das in der Realität nicht mehr passiert, ist das ein großes Problem für einen Krimischriftsteller.

Warum mögen Leser Serien so gern?
Wer seit 30 Jahren Rebus-Romane liest, der ist zusammen mit ihm älter geworden. Er ist ein Teil des Lebens geworden, man kann sich mit ihm identifizieren. Auch Edinburgh verändert sich permanent. Und so reflektieren die Romane, wie sich die Stadt, aber auch die schottische Gesellschaft, die Politik, das Wirtschaftssystem gewandelt hat in dieser Zeit.
Auch ich mag Serien, es gibt für mich als Leser kaum etwas Schöneres, als einen neuen Detektiv zu entdecken und festzustellen, dass es schon neun Bücher mit ihm gibt.

Gilt das auch fürs Fernsehen, man sagt ja, Serien wie Sopranos seien die neuen Romane.
Theoretisch ja, ich nehme mir all diese Serien auf, aber dann finde ich nie die Zeit, sie auch zu sehen. Ich wünschte mir manchmal, ich würde ein bisschen krank werden, um endlich mal…

Mögen Sie es, die Regeln zu befolgen, die eine Serie vorgibt?
Erst habe ich die Idee für eine Geschichte, dann entscheide ich, für welche meiner Figuren diese passt.

Dann sind Sie zum Krimi gekommen wie William McIlvanney?
Er war in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für mich. Er hat mir gezeigt, dass Krimis auch richtige Literatur sein können. 1985 habe ich ihn zum ersten Mal getroffen, kurz bevor der erste Rebus-Roman herauskam. Ich erzählte ihm, dass ich an einem Roman arbeiten würde, der von seiner „Laidlaw“-Trilogie beeinflusst sei, und er sagte: Viel Glück mit dem Laidlaw aus Edinburgh. Als ich in 20 Jahre später wiedertraf, sagte er: Ich finde, Edinburghs Laidlaw machte seine Sache gut.

Rebus ist nicht der Sherlock Holmes von Edinburgh, wie es oft heißt sondern der Laidlaw.
Das stimmt, aber anders als Laidlaw ist Rebus kein Intellektueller, sondern mehr working class. Beide arbeiten hart daran, den Dingen auf den Grund zu kommen, die Wahrheit herauszufinden. Und beide glauben daran, dass sie, wenn es ihnen gelingt einen Fall zu lösen, besser verstehen, wie die Welt funktioniert.

Als ich McIlvanney vergangenes Jahr traf, wenige Monate vor seinem Tod, sagte er, dass er zwei weitere Laidlaw-Storys in Arbeit habe. Wissen Sie etwas darüber?
Es sind die verschiedensten Gerüchte im Umlauf, aber am wahrscheinlichsten ist, dass er nur ein paar Ideen aufgeschrieben hat, nicht einmal genug, dass jemand anderes daraus einen Roman machen könnte. Obwohl: Liam, sein Sohn, ist ebenfalls Krimiautor. Vielleicht wird er die Reihe weiterführen. Aber gesagt hat er nichts dazu…

Auf den Erfolg mussten Sie ein bisschen warten…
Bis zum achten Roman, Black and Blue. Das war ein Achtungserfolg, und es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich zum ersten Mal auf Platz 1 der englischen Bestsellerliste landete. In den USA hat es noch wesentlich länger gedauert. Der Rebus-Comeback-Roman war der erste, der es auf die Bestsellerliste der New York Times schaffte.

Hatten Sie damals je daran gedacht, aufzugeben oder etwas anderes zu machen?
Sicher, aber es gab keine Alternativen. Meine Frau hatte einen Job, der uns über Wasser hielt.
Ich schreibe ja auch andere Sachen, ein Libretto für eine Kurzoper, ein Drehbuch für einen Film, der wahrscheinlich nie gemacht wird, eine graphic novel, Texte für eine Band… aber ich komme immer wieder zurück zum Roman…
Und ich habe vor zwei Jahren ein Theaterstück geschrieben, das mir großem Erfolg in Edinburgh lief. Raten Sie mal, worum es ging?
Familie?
Auch, aber vor allem um Edinburgh und eine Polizistin.

Die meisten Krimiautoren haben ein Lebensthema, James Lee Burke erkundet die Natur des Bösen, James Ellroy schreibt über die zersetzende Macht der Korruption – was ist Ihr Thema?
Schon bei meinen frühen Büchern ging es mir darum zu zeigen, dass Edinburgh immer noch eine Jekyll and Hide-Stadt ist, zweigeteilt, das zivilisierte Edinburgh, sauber und ordentlich. Dann die grausame Seite.
J&H dreht sich um die Frage, was Menschen dazu bringt, Böses zu tun und Spaß daran zu finden. Und die Frage stelle ich mir auch heute noch…
Haben Sie eine Antwort gefunden?
Am Ende läuft viel auf die 7 Todsünden hinaus, auf Gier und Lust und Eifersucht… aber die eine Antwort gibt es nicht. Wir alle sind dazu in der Lage, die besten Dinge zu tun, aber auch die bösesten. Aber jeder gute Krimi sollte den Leser dazu bringen, unter welchen Umständen man bereit wäre, jemanden umzubringen. Würde etwa jemand in mein Haus einbrachen und meine Frau bedrohen, wurde ich ihn erschießen.

Sie haben nicht wirklich eine Pistole im Haus, oder?
Natürlich nicht, das war nicht wörtlich gemeint. Aber ich hatte vor Kurzem zum ersten Mal eine in der Hand, in den USA, als ich auf Lesereise war. Ich sprach darüber, dass ich noch nie eine Pistole in der Hand gehabt hätte, und eine kleine, ältere Frau kam auf mich zu und fragte: Würden Sie gern mal? Ihr Ehemann, der etwa Ende 70 war, hatte eine kleine Pistole in der Tasche – in einem Buchladen, in einem wirklich sicheren Teil der USA!

Glauben Sie an das Böse an sich?
Es gibt sehr wenige Serienmörder, aber eine unfassbare Menge an Romanen zum Thema, die Menschen sind vom Bösen fasziniert. Ich habe mal an einer TV-Dokuserie über das Böse mitgewirkt. Und fand es immer wesentlich naheliegender, böse Taten zu zeigen als Menschen, die das pure Böse repräsentieren.
Ich hatte das Angebot, den englischen Serienmörder Ian Brady, der in den Sechzigern zusammen mit seiner Freundin Kinder entführte, folterte und ermordete, der Psychiatrie zu interviewen, aber ich habe abgelehnt – ich hatte Angst, dass er nicht mehr aus meinem Kopf verschwinden würde, wenn ich ihn erst einmal hineingelassen hätte.
Er hat ein Buch darüber geschrieben, dass Serienmörder eine höhere Lebensform seien, wahre Jäger, die man bewundern müsse. Das ist wahrscheinlich das einzige Buch, bei dem ich mich freuen würde, wenn es verbrannt würde.

Rebus hat niemanden getötet in all den Jahren, oder?
Ich kann mich nicht erinnern, dabei müsste ich es wissen, weil es tatsächlich im neuen Roman eine Szene geben wird, in der Cafferty Rebus genau das fragt. Man sollte meinen, dass er in 30 Jahren den ein oder anderen Gangster umgebracht haben wird. Aber mir fällt keiner ein.
Rebus ist etwa zehn Jahre älter als sie und altert in der gleichen Geschwindigkeit. Bereiten Sie sich so auf das Alter vor?
Ich höre nicht mehr so gut wie früher, die Knie machen nicht mehr alles mit, graue Haare wachsen an den unmöglichsten Orten – und was mir passiert, passiert auch Rebus, ein bisschen verspätet.

Wenn Sie von Edinburghs dunkler Seite sprechen: Meinen Sie damit die organisierte Kriminalität?
Es gibt in Edinburgh keinen Mr. Big, der alles kontrolliert, wie Cafferty in meinen Romanen. Das kommt eher in Glasgow vor.

Sie haben einmal gesagt, Punk hätte einen Schriftsteller aus Ihnen gemacht?
Punk hat uns damals gezeigt, dass man sich ausprobieren muss, einfach loslegen, egal, wo man herkommt. Wenn du für etwas brennst – mach es einfach.
Ich habe mich als Sänger versucht, als Dichter… und dann habe ich mit Romanen angefangen und solange gegen die Türen der Verlage geklopft, bis man mir aufgemacht hat. Fünf Verlage haben meinen ersten Rebus-Roman abgelehnt, bis endlich einer Ja gesagt hat. Und wäre der nicht veröffentlicht worden, hätte ich eben den nächsten geschrieben. Ich hätte niemals aufgegeben.

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Bloody Questions Vol. 14: SIMONE BUCHHOLZ

Simone Buchholz Blaue NachtVorbemerkung: Wie immer zunächst im Crimemag erschienen, hier die aktuelle Ausgabe der Bloody Questions auch bei Krimi-Welt. Seit der Erstveröffentlichung vor wenigen Wochen hat sich Bemerkenswertes getan: Simones neuer Krimi „Blaue Nacht“ hat Platz 1 der Krimi-Bestenliste der ZEIT erobert.

Was die Hamburger Krimi-Schriftstellerin Simone Buchholz angeht, bin ich etwas befangen. Wir leben beide in Hamburgs trotz aller Musicals, Olivia-Jones-Kieztouren und Kioskfusel-Sauferei attraktivstem Stadtteil, in St. Pauli. Wir kennen uns (erstaunlicherweise erst seit Kurzem) und mögen uns. Deshalb wäre jede Lobhudelei auf das Schaffen von Simone zwar absolut verdient, aber ziemlich unangemessen.

Deshalb hier nur der Hinweis auf ihren neuen Kriminalroman „Blaue Nacht“, es ist der sechste, in dem die Hamburger Staatsanwältin Chastity Riley (Dieser Name! Klingt, als wäre sie eine Schwester von Modesty Blaise) sich durch die Hansestadt trinkt und liebt und natürlich ermittelt, und der erste seit Simones Wechsel zu Suhrkamp. Diesmal kümmert sich die engagierte (und natürlich gar nicht keusche) Chastity, um den Fall eines Prügelopfers, der sich zu einer ziemlich komplexen Angelegenheit ausweitet. Ach, was soll man viel erzählen, sollte man unbedingt gelesen habe, finde nicht nur ich, sondern meint auch Elmar Krekeler in seiner hübschen Kritik für die Welt, den ihr hier lest.

Und da es wie immer in Simones Romanen auch um etwas geht, das die Lassie Singers einst mit „Leben in der Bar“ perfekt besangen, sei euch hiermit empfohlen, den sorgenbrecherischen Song dieser wunderbaren St.-Pauli-Band (okay, mit einem Fuß in Berlin) zu hören, bevor ihr die Bloody Questions lest, die Simone „live“ im Restaurant „Kuchnia“ (natürlich auf St. Pauli gelegen) beantwortet hat, bei Russischen Eiern, Bier und Wodka:

1 Haben Sie je darüber nachgedacht, ein Verbrechen zu begehen oder gar schon mal eines begangen?

Außer Drogen habe ich nichts Böses getan, wahrscheinlich weil ich zu gut erzogen bin. Natürlich habe ich oft über Gewaltverbrechen nachgedacht, denn früher, als ich noch jung war, war ich das klassische Opfer, das auf der Straße festgehalten oder angegrapscht wurde. Wenn ich aus dieser Situation rausgekommen war, habe ich oft darüber nachgedacht, was ich mit diesen Typen gern gemacht hätte. Mordfantasien hatte ich aber nicht. Inzwischen mache ich Kung-Fu und bin da entspannter.

2 Wer ist der schlimmste Schurke (oder der beste Bösewicht) der Literaturgeschichte?

Ich mag Schurken, die ich auch liebhaben kann und bin ein großer Fan vom Räuber Hotzenplotz mit seinen sieben Messern und seiner Pfefferpistole und seiner Vorliebe für gutes Essen. Auch George Clooney als Jack Foley in der Elmore-Leonard-Verfilmung „Out of Sight“ mag ich gern dabei zuschauen, Böses zu tun.

3 Erinnern Sie sich an die erste Leiche in Ihren Romanen?

Das war in der Kurzgeschichte „Schweinheim“: Verena, eine Prostituierte, die von einem saufenden Polizisten ermordet wurde.

4 Die Beatles-oder-Stones-Frage: Chandler oder Hammett? Weiterlesen

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Krimi-Talk: DON WINSLOW über „Germany“

Don Winslow Germany

Covershot: Droemer

Vorbemerkung: Das ist die Originalversion eines Textes, der mit einigen Änderungen unter dem Titel „Was für ein Bordell“ im aktuellen Krimi-Special der Wochenzeitung „Der Freitag“ erschienen ist. Das Interview fand am 15. März im Hotel „Wedina“ statt, an der Hamburger Außenalster. Don Winslow war übermüdet, und von daher unkonzentriert und etwas gereizt – was okay ist. Seine Antworten in Interviewform zu drucken, wäre aber wenig zielführend gewesen.

„Germany“ ist nach „Missing. New York“ der zweite Band von Winslows Reihe mit dem Ex-Marine und Ex-Cop Frank Decker. Beide Romane sind ebenso wie der Söldner-Thriller „Vergeltung“ bislang in den USA nicht erschienen. Laut Aussage von Winslow im Interview liegt das daran, dass er für „Das Kartell“ seinen US-Verlag gewechselt hat (um wieder mit seinem früheren Lektor arbeiten zu können) und Knopf zunächst die Fortsetzung von „Tage der Toten“ vermarkten wollte. Wann die angesprochenen drei Romane in den USA veröffentlicht werden, konnte Winslow nicht sagen. Er verriet aber, dass er zwei weitere Standalone-Bücher in Arbeit habe, die eventuell noch vorher auf den Markt kommen. Wenige Tage nach dem Interview wurde bekannt, dass Winslow gemeinsam mit Michael Mann an einem Roman über die Verbrecherbosse Sam Giancana und Tony Accardo arbeitet. Ein Film soll aus der Zusammenarbeit ebenfalls entstehen. Klingt vielversprechend.

Ebenfalls interessant: Don Winslow verriet mir, dass „Das Kartell“ verfilmt wird. Und zwar von Ridley Scott. Und wenn es gut läuft, soll „Tage der Toten“ als Prequel nachgeschoben werden (seltsame Idee). Mal sehen, (ob) was draus wird.

Don Winslow galt einmal als „Der beste Krimiautor unserer Tage“. Doch das waren die „Tage der Toten“. Mit Romanen wie „Germany“ verschleudert der Amerikaner sein Talent. Warum nur? Man kann ja mal fragen…

Statt eines Prologs. 10 Dinge über Don Winslows „Germany“.

  • Reiche Leute feiern Orgien.
  • Die Anständigen gucken entgeistert zu.
  • Frauen sind entweder Engel oder sehr fatale.
  • Gewalt ist immer eine Lösung.
  • Deutschland ist ein einziges Bordell.
  • St. Pauli die Hölle auf Erden.
  • Mit dem Semper Fi der Marines ist es auch nicht mehr weit her.
  • Russen sind sehr, sehr böse.
  • In Florida ist es trotz der Sonne sehr kalt.
  • In Deutschland scheint nie die Sonne.

Ach ja, Listen. Die gehörten einmal zu den vielen, bemerkenswert variabel eingesetzten Stilmitteln von Don Winslow. Zu einer Zeit, als man ihn für Romane wie „Savages – Zeit des Zorns“ als Erneuerer des zeitgenössischen Kriminalromans feierte. Nach „Tage der Toten“ und „Frankie Machine“ und „Pacific Private“ wollten plötzlich alle so schreiben wie der Amerikaner, so cool und knapp und immer auf den Punkt. Nur ist das gar nicht so einfach, wie es sich dann liest – dem Autor kann vor lauter Stakkato-Präsens schnell der erzählerische Atem ausgehen. Das gilt sogar für Don Winslow selbst, dessen neuer Roman „Germany“ selbst beim geneigtesten Leser Ratlosigkeit auslösen dürfte.

Hoffnungen, dass der missratene Vorgänger „Missing New York“ ein Ausrutscher gewesen sein könnte, erfüllen sich leider nicht. Ein zweites Mal schickt Winslow seinen Helden Frank Decker, einen aufrechten Provinz-Amerikaner, auf die Suche nach einer Vermissten. Kim, die superschöne, superschlaue, supernette Gattin seines besten Kumpels aus gemeinsamen Tagen bei den Marines ist eines Abends nicht vom Shoppen wiedergekommen. Die Spur führt Decker vom Sonnenstaat Florida, wo schöne Menschen in pastellfarbenen T-Shirts ziemlich böse Dinge tun, bis nach Deutschland, wo nicht ganz so schöne Menschen in Daunenjacken noch bösere Dinge tun. Klischee trifft auf Klischee, tote Russen türmen sich zu Leichenbergen. Die Handlung geht ihren vorhersehbaren Gang, beständig im selben Tempo (und Winslow-untypisch im Perfekt) erzählt, in einer schlichten Sprache, die das ironische Funkeln vergessen hat, das die früheren Bücher von Winslow zum Leuchten brachte. Weiterlesen

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Krimi-Kritik: OLEN STEINHAUER „Der Anruf“

Steinhauer Anruf Nachdem „Die Kairo Affäre“ das bislang ambitionierteste und komplexeste Buch von Olen Steinhauer war, hat er sich jetzt an ein Zwei-Personen-Stück gewagt. Ein CIA-Mitarbeiter und seine frühere Kollegin und Geliebte treffen sich zum Essen, um zu klären, was genau vor Jahren in Wien geschah, als ein Flugzeug gekidnappt wurde. Originelles Konzept, meisterhaft ausgeführt. Habe ich für Spiegel Online besprochen, die Rezension findet ihr hier.
Ein Auszug aus dem Text:
Steinhauers bisherige Romane entwickelten ihren Reiz durch die Vielzahl an Schauplätzen und Personen, die in einem nahezu undurchdringlichen Dickicht aus Abhängigkeiten miteinander verbunden sind und die zum Spielball von Intrigen werden, deren Sinn sie schon längst nicht mehr durchschauen. Die Idee, ein Zweipersonenbuch zu schreiben, kam Steinhauer, nachdem er die BBC-Verfilmung des Lang-Gedichts „The Song of Lunch“ des britischen Autors Christopher Reid gesehen hatte, in der Alan Rickman und Emma Thompson ein früheres Paar spielen, das bei einem Mittagessen vergeblich versucht zu verstehen, was sie damals aneinander hatten.

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Krimi-Fragebogen Bloody Questions, Vol. 13:
Lawrence Block

Vorbemerkung: Wie zuletzt gewohnt, ist auch diese Ausgabe der Bloody Questions zunächst im Crimemag erscheinen.

Lawrence Block

Bildquelle: Culturmag

Autoren, die nicht nur alle paar Jahre etwas veröffentlichen, werden gern abwertend als Vielschreiber diskreditiert. Vor allem wahrscheinlich von Menschen, die froh sind, dass, sagen wir mal, Gernegroßliteraten wie John Irving oder Donna Tartt nur alle Jubeljahre einen neuen Wälzer raustun, weil sie mehr als ein Buch im Jahr sowieso kaum lesen könnten. Nun muss man ja gar nichts gegen Mühlsteine haben; James Ellroy braucht Zeit und Raum, ebenso wie das New-York-Panorama „City on Fire“ von Garth Risk Hallberg, das zu den interessantesten Neuveröffentlichungen des Literaturfrühjahrs gehört.
Apropos NY-Panorama: Auch Lawrence Block, ein Vielschreiber im besten Sinne (also im Sinne von Ed McBain) hat einmal ein solches geschrieben, leider wurde das wirklich grandiose „Small Town“ aus dem Jahr 2003 niemals übersetzt (ist aber zumindest bei Amazon noch lieferbar). Vielleicht haben wir ja Glück, und dieses Versäumnis wird im Zuge des aktuellen Block-Mini-Revivals korrigiert…
Nachdem im vergangenen Jahr mit „Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones“ zum ersten Mal seit langer, langer Zeit wieder ein Roman von Block auf Deutsch lieferbar war (als Buch zum Film mit Liam Neeson, der im übrigen ziemlich gelungen ist), beginnt inzwischen eine Privat-Initiative mit der Wiederentdeckung des 77-jährigen Autors, der bislang mehr als 50 Romane geschrieben hat – bereits erschienen ist mit „Die Sünden der Väter“ der erste Roman um Matthew Scudder, den Ex-Cop und Alkoholiker, der in New York als unlizensierter Privatdetektiv arbeitet; außerdem als eBook die Kurzgeschichte „Aus dem Fenster“.
Auch in den USA läuft es in Sachen Back-Katalog wohl nicht mehr so goldig für den Krimi-Veteranen, sodass Block die Vermarktung seiner diversen Reihen selbst übernommen hat und so dafür sorgt, dass die Reihen um Scudder, Evan Tanner und Bernie Rhodenbarr zumindest elektronisch wieder erhältlich sind. Mehr darüber hat Joachim Feldmann im Februar-Crimemag zu erzählen, jetzt aber wünschen wir Ihnen erst einmal viel Spaß mit der 13. Ausgabe des Krimi-Fragebogens „Bloody Questions“, den dieses Mal netterweise Judy Born für unseren überarbeiteten Autoren Marcus Müntefering übersetzt hat.

1 Haben Sie je darüber nachgedacht, ein Verbrechen zu begehen, oder gar schon mal eines begangen?

Ich habe durchaus mal darüber nachgedacht, allerdings ist es schwer zu sagen, wie ernst es mir damals war. Mitte der 70er-Jahre hatte ich eine schwierige Phase, sowohl beruflich als auch privat, und wusste nicht so recht, was tun. Ich schrieb einige Bücher, die mein Agent nicht verkauft bekam und schrieb an anderen, die ich nicht zu Ende bekam. Ich dachte, es ist wohl an der Zeit für einen richtigen Job, doch als College-Abbrecher konnte ich nichts vorweisen – ich konnte nur schreiben.

Da fragte eine innere Stimme: Schon mal über eine kriminelle Karriere nachgedacht?
Nur: Welche Straftat könnte ich begehen? Bloß nichts Gewalttätiges und am besten ohne jeglichen menschlichen Kontakt. Vielleicht Einbruchsdiebstahl? Mein erster Versuch bestand darin, die Tür meines Hotelzimmers mit der Kreditkarte zu öffnen. Das war das Einzige, für das die Karte damals noch zu gebrauchen war.

Super, dachte ich mir, ich werde Einbrecher. Ich könnte nachts arbeiten, mir die Zeit selbst einteilen, ich wäre mein eigener Herr – genauso wie beim Schreiben. Doch was, wenn ich erwischt würde? Nun, ich würde keinen Aufstand machen, denn realistisch betrachtet bekäme ich als Ersttäter höchstens eine Bewährungsstrafe.

Aber gesetzt den Fall, man würde mich in einem Haus festnehmen und im Nachbarzimmer eine Leiche finden? Das wäre ein Problem, dachte ich. Oder ein Plot. Und so wurde daraus mein erstes Buch der Bernie-Rhodenbarr-Serie, „Burglars Can’t Be Choosers“ (dt. „Diebe nehmen, was sie kriegen“).

Ob ich meinen Weg als Einbrecher weiterverfolgt hätte, wenn das Buch kein Erfolg gewesen wäre? Wer weiß… Mir hingegen gefällt der Gedanke, dass mich Bernie vor einer kriminellen Karriere bewahrt hat.

2 Wer ist der schlimmste Schurke (oder der beste Bösewicht) der (Krimi)-Literaturgeschichte?

Du meine Güte, keine Ahnung. Thomas Harris hat mit Hannibal Lecter eine grandiose Kreatur geschaffen, doch es gibt viele andere die ebenso furchteinflößend, wenn auch weniger anschaulich sind. John D. MacDonald beschreibt herrlich geistesgestörte Frauenfiguren, etwa eine, die mit einem Stoß und höchstem Vergnügen Menschen einen Eispickel ins Herz rammt, um dabei zuzusehen, wie sie ihr Leben aushauchen. Ich glaube der Titel lautet „One Monday We Killed Them All“ (dt. „Am Montag kam der Tod“). Die Suche danach lohnt sich!

3 Erinnern Sie sich an Ihren ersten literarischen Mord?

Eines möchte ich klarstellen, mein Freund: Ich habe niemals jemanden in meinen Büchern umgebracht. Sollte eine Figur mal eine andere töten, so ist das deren Angelegenheit. Ich bin nur ein Beobachter.

Allerdings, da ich seit 1957 als Schriftsteller tätig bin und sich ein Großteil meiner zahlreichen Werke zur Krimis sind, ist die Zahl der Todesopfer sicher recht hoch. Die erste Kurzgeschichte, die ich je verkauft habe („You Can’t Loose“) endet damit, das der übermütige junge Erzähler auf dem Weg zu seinem ersten Auftragsmord ist. Es wird niemand umgebracht, jedoch nur, weil die Geschichte aufhört, als er aus der Tür geht.

„Die Sünden der Väter“ beginnt mit dem Mord an Wendy Hanniford, und Matthew Scudder soll ihn aufklären. Weder er noch ich haben sie getötet. Sie müssen das Buch lesen, um es zu erfahren.

4 Die Beatles-oder-Stones-Frage: Chandler oder Hammett?
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